Ich gebe zu: Als ich die Headline las, musste ich zweimal hinsehen. Eine Galaxie, die nicht rotiert? Das ist, als würde man einen Kreisel finden, der still auf dem Tisch liegt, während alle anderen um ihn herum tanzen. Galaxien rotieren. Das ist eine Grundregel, die man nicht hinterfragt – wie die Schwerkraft oder dass Sterne leuchten.
Dann machte das James-Webb-Weltraumteleskop, was es am besten kann: Es zeigte uns, dass wir weniger verstanden haben, als wir dachten.
Ein Fossil aus der Kindheit des Universums#
Das Objekt hört auf den wenig poetischen Namen XMM-VID1-2075 – ein Katalogprodukt, das nach seiner Entdeckung im Röntgenbereich erstmal in der Datenbank schlummerte. Webb hat es nun genauer unter die Lupe genommen, und was es fand, hat ein Team um Ben Forrest von der UC Davis im Mai 2026 in Nature Astronomy publiziert.
Die nackten Zahlen: XMM-VID1-2075 wiegt rund 330 Milliarden Sonnenmassen – ein Vielfaches der Milchstraße. Wir sehen sie zu einer Zeit, als das Universum gerade einmal 1,8 bis 2 Milliarden Jahre alt war, bei einer Rotverschiebung von z = 3,449. Ihr Licht war rund 12 Milliarden Jahre zu uns unterwegs.
Und sie ist tot. Quieszent, im Fachjargon. Die Galaxie produziert weniger als einen Sonnenstern pro Jahr. Die Milchstraße bringt es auf etwa zwei. Das klingt nicht nach einem großen Unterschied? Ist es aber: Junge Galaxien im frühen Universum verwandeln normalerweise Hunderte Sonnenmassen pro Jahr in Sterne. XMM-VID1-2075 ist ein „roter und toter" Relikt – ausgebrannt, bevor sie richtig erwachsen wurde.
Aber das ist nicht der eigentliche Clou.

SMACS 0723, Webbs erstes Tiefenfeld. Mit solchen Aufnahmen vermessen Astronomen die Bewegung Tausender Galaxien. Credit: NASA/ESA/CSA/STScI
Wie stoppt man einen kosmischen Kreisel?#
Das Team nutzte Webbs NIRSpec-Integralfeldspektrografie, um die Bewegung der Sterne in XMM-VID1-2075 zu vermessen. Die Idee dahinter: Wenn eine Galaxie rotiert, sind die Sterne auf einer Seite blauverschoben (kommen auf uns zu) und auf der anderen rotverschoben (entfernen sich). Bei XMM-VID1-2075 passierte genau das nicht. Statt geordneter Rotation dominiert zufällige, ungeordnete Sternbewegung – eine Geschwindigkeitsdispersion von rund 379 km/s.
Das ist das Verhalten, das man von massereichen elliptischen Galaxien im heutigen Universum kennt. Von einer Galaxie, die erst zwei Milliarden Jahre nach dem Urknall existierte, hat niemand das erwartet. Die beiden anderen Galaxien, die Forrests Team zeitgleich untersuchte, zeigten ganz normale Rotation. XMM-VID1-2075 war der krasse Ausreißer.
Wie also verliert eine junge Galaxie ihre Rotation? Die plausibelste Erklärung ist ein galaktisches Tauziehen: Mehrere Verschmelzungen mit anderen Galaxien, die aus unterschiedlichen Richtungen kamen, haben den Drehimpuls nach und nach gegeneinander aufgehoben. Wenn zwei Galaxien frontal kollidieren, löschen sich ihre Rotationen teilweise aus. Passiert das mehrfach, bleibt irgendwann nichts mehr übrig.
Forrests Team fand tatsächlich Hinweise darauf: Auf einer Seite von XMM-VID1-2075 zeigt sich ein deutlicher Lichtüberschuss – wahrscheinlich die Überreste einer verschmolzenen Begleitgalaxie oder ein noch laufender Fusionsprozess.
Dennoch bleibt ein Problem: Normalerweise dauert dieser Prozess Milliarden von Jahren. Die massereichsten elliptischen Galaxien im lokalen Universum – die stillen Riesen in den Zentren von Galaxienhaufen – haben ihre Rotation über kosmische Zeiträume hinweg verloren. Dass eine Galaxie das schon nach zwei Milliarden Jahren schafft, ist, als würde ein Kleinkind einen Marathon laufen.
Was bedeutet das für unser Bild der Galaxienentstehung?#
Die Entdeckung fügt sich in ein Muster, das sich in den letzten Jahren abzeichnet: Webb findet immer wieder Galaxien, die „zu früh" reif, zu massiv oder – wie in diesem Fall – zu unbewegt sind. Die Standardmodelle gehen davon aus, dass junge Galaxien chaotisch und gasreich sind, voller turbulenter Bewegung. Sie müssen erst über Jahrmilliarden durch Akkretion und Verschmelzungen ihre Rotation aufbauen – oder eben durch heftige Kollisionen wieder verlieren.
XMM-VID1-2075 zeigt, dass dieser Prozess sehr viel schneller ablaufen kann als gedacht. Das ist keine Widerlegung der gängigen Kosmologie, aber eine wichtige Justierung. Simulationen werden nun nachschärfen müssen, um zu erklären, wie eine Galaxie unter zwei Milliarden Jahren nicht nur ihre Sternentstehung einstellt, sondern auch noch ihre Rotation verliert.
Für mich ist das Schönste an dieser Geschichte, wie sie unser Bild von der kosmischen Entwicklung infrage stellt. Wir neigen dazu, Galaxien als starre Objekte mit festen Eigenschaften zu betrachten. Dabei sind sie lebendige Systeme, deren Schicksal von den Zufällen ihrer Umgebung abhängt – davon, welche Nachbarn sie hatten, welche Kollisionen sie erlebt haben, wer sie „angegriffen“ hat.

Das James-Webb-Weltraumteleskop hat mit seinen NIRSpec-Instrumenten die Bewegung von Sternen in Galaxien aus der Frühzeit des Universums sichtbar gemacht. Credit: NASA/STScI
Der Blick nach vorn#
Die nächsten Schritte sind bereits absehbar: Das Team will weitere frühe Galaxien auf ihre Rotation untersuchen, um herauszufinden, ob XMM-VID1-2075 ein exotischer Einzelfall war oder der Prototyp einer ganzen Population „vorzeitig stillgelegter“ Riesengalaxien. Und das JWST, das uns diese Blicke in die Kinderstube des Kosmos überhaupt erst ermöglicht, wird dabei die Hauptrolle spielen.
Mir bleibt nach dieser Lektüre vor allem ein Gedanke: Unser Universum ist nicht nur größer, als wir denken. Es ist auch seltsamer, als wir denken können. Genau das macht die Astronomie für mich so unwiderstehlich. Immer wenn wir glauben, die Grundregeln zu verstehen, zeigt uns der Himmel eine Ausnahme. XMM-VID1-2075 – die Galaxie, die vergessen hat zu rotieren.
Quellen#
- Forrest, B. et al. (2026). A massive and evolved slow-rotating galaxy in the early Universe, Nature Astronomy. DOI: 10.1038/s41550-026-02855-0
- UC Davis News: Non-Rotating Early Galaxy Is a Surprise to Astronomers
- SciTechDaily: Astronomers Stunned by Ancient Galaxy With No Spin
- Futurezone: Galaxie ohne Rotation: James-Webb-Teleskop macht ungewöhnliche Entdeckung
- MSN/Wetter.com: Diese Galaxie scheint erstarrt, ohne Rotation, tief im Universum