Am 7. August 1996 um 18 Uhr Ortszeit trat NASA-Administrator Daniel Goldin vor die Kameras. Die Nachricht, die er überbrachte, war so schwerwiegend, dass Präsident Clinton noch am selben Tag eine Pressekonferenz im Rosengarten des Weißen Hauses einberief. Der Grund: ein kartoffelgroßer Stein, der zwölf Jahre zuvor in der Antarktis gefunden worden war.
ALH84001, ein Marsmeteorit, zeigte unter dem Elektronenmikroskop kleine, wurmähnliche Strukturen. Für das NASA-Team sahen sie aus wie versteinerte Bakterien. „Strong circumstantial evidence that life once existed on Mars", hieß es in der Pressekonferenz. Clinton sprach davon, dass der Stein „zu uns spricht durch Milliarden von Jahren und Millionen von Meilen".
Die Aufregung war enorm. TV-Sender unterbrachen ihr Programm. Die Titelseiten gehörten dem Marsgestein. Und dann, Monate später, die Ernüchterung: Die gleichen Strukturen entstehen auch durch rein geologische Prozesse. Keine fossilen Bakterien. Nur Chemie.
Ich war damals noch nicht geboren. Aber ich habe die Geschichte oft genug erzählt bekommen, um zu wissen: Dieser Moment hat die Astrobiologie für Jahrzehnte geprägt. Seitdem haben Forscher eines gelernt. Einmal verbrennt man sich nicht zweimal.
Der Kreislauf der Hoffnung#
Es ist fast schon ein Muster: Eine Studie meldet ein vielversprechendes Signal. Die Medien greifen es auf. Die Fachwelt reagiert skeptisch. Dann kommt die abiotische Erklärung.
Marsmethan: 2004 von der ESA-Sonde Mars Express entdeckt. Auf der Erde wird Methan fast ausschließlich biologisch produziert. Also Leben auf dem Mars? Jahrelange Debatten. Curiosity maß Methan-Konzentrationen, die saisonal schwankten. Ein starkes Indiz für biologische Aktivität. Aber dann zeigte sich: Auch geologische Prozesse, Serpentinisierung von Gestein unter Druck, produzieren Methan. Die Debatte ist bis heute nicht abgeschlossen.
Phosphin in der Venusatmosphäre: 2020 gemeldet. Ein potentielles Biosignatur-Gas, das auf der Erde nur durch Mikroben oder Industrie entsteht. Die Aufregung war riesig. Dann: Messfehler. Das Signal war ein Artefakt der Datenverarbeitung. Zurück auf Null.
Jedesmal dasselbe. Und trotzdem jedesmal dieselbe Frage: Was, wenn diesmal wirklich Leben dahintersteckt?

K2-18b: Das neueste Kapitel#
2025 überschlugen sich die Schlagzeilen: JWST hatte in der Atmosphäre des Exoplaneten K2-18b Dimethylsulfid (DMS) nachgewiesen. Auf der Erde ist DMS ein reines Stoffwechselprodukt mariner Mikroorganismen. Ein internationales Team um Riccardo Middei (INAF, Rom) hatte das Signal im April 2025 mit einer Signifikanz von 3σ bestätigt, zusammen mit Dimethyldisulfid (DMDS), ebenfalls ein potentielles Biosignatur-Gas.
Das Besondere: Die Studie basiert auf neuen MIRI-Daten des JWST und damit einem unabhängigen Instrument von den früheren NIRISS/NIRSpec-Messungen, die 2023 erste Hinweise auf DMS geliefert hatten. DMS und/oder DMDS in der Atmosphäre, 3σ-Signifikanz, hohe Häufigkeit von über 10 ppmv. Zwei unabhängige Instrumente, zwei verschiedene Wellenlängenbereiche, dasselbe Resultat. Das ist mehr, als wir bei den meisten anderen Biosignatur-Kandidaten je hatten.
Und trotzdem bleibt der Vorbehalt. Die systematische Suche nach abiotischen Quellen für DMS auf Exoplaneten läuft erst an. Die Autoren schreiben selbst, dass die kontextuellen Daten zum Planeten begrenzt sind. K2-18b ist ein Hycean-Planet, eine Wasserwelt mit Wasserstoffatmosphäre, für die wir noch keine vollständigen photochemischen Modelle haben. Vielleicht kann DMS dort auch ohne Leben entstehen. Vielleicht nicht. Wir wissen es schlicht noch nicht.
Der Goldstandard wackelt#
Wenn DMS schon so schwer zu interpretieren ist: Was ist mit Sauerstoff? O₂ galt lange als das ideale Biosignatur-Gas. Auf der Erde ist der gesamte freie Sauerstoff in der Atmosphäre ein Produkt der Photosynthese. Ohne Leben: kein Sauerstoff.
Auch das stimmt so nicht. Eine neue Studie von Margaret Turcotte Seavey und Kollegen (März 2026) zeigt, dass sich in marsähnlichen Exoplaneten-Atmosphären durch CO₂-Photolyse abiotisch bis zu 2,7% Sauerstoff ansammeln können. Das wäre nachweisbar und würde wie eine Biosignatur aussehen. Das Habitable Worlds Observatory und die nächste Generation von Großteleskopen werden genau mit diesen Unsicherheiten kämpfen müssen.
Die andere Seite: Was wir übersehen#
Es gibt aber auch ein entgegengesetztes Problem. Eine neue Perspektive in Nature Astronomy (Mai 2026) von Inge Loes ten Kate und Kollegen warnt vor den False Negatives, also Signalen, die wir übersehen oder vorschnell verwerfen, weil wir Angst vor einer falschen Positivmeldung haben.
Ten Kates Team argumentiert, dass unsere Lebensdetektionsmethoden systematische Lücken haben. Wir suchen nach Leben, wie wir es kennen: nach bestimmten Molekülen, bestimmten Isotopenverhältnissen, bestimmten Strukturen. Aber Leben könnte anderswo ganz andere chemische Signaturen hinterlassen. Vielleicht haben wir schon Daten von Mars, Enceladus oder Exoplaneten in den Archiven liegen, die Leben anzeigen. Nur erkennen wir sie nicht, weil sie nicht in unser Raster passen.
„We should be aware of these false negative results", sagt ten Kate. „It means there are shortcomings in recognizing the existence of life."
Was mich an dieser Situation umtreibt#
Ich habe mitverfolgt, wie jede neue Biosignatur-Entdeckung durch denselben Zyklus geht. Erst die Euphorie, dann die Skepsis, dann die Ernüchterung. Die Astrobiologie hat aus ALH84001 gelernt, vielleicht zu gut.
Klar, wissenschaftliche Vorsicht ist richtig. Nichts wäre schlimmer als eine Wiederholung von 1996. Aber ich frage mich: Irgendwann wird ein Signal echt sein. Und wenn wir dann immer noch dieselben Argumente bringen („könnte auch abiotisch sein", „mehr Daten nötig", „nicht signifikant genug"), woran werden wir es erkennen?
Der DMS-Nachweis auf K2-18b ist der beste Kandidat, den wir seit Jahrzehnten haben. Zwei unabhängige Instrumente an Bord desselben Teleskops. Dasselbe Ergebnis. Trotzdem sagt niemand laut, was es bedeuten könnte.
Ich verstehe die Zurückhaltung. Aber irgendwann ist Vorsicht kein Zeichen von Klugheit mehr, sondern von Angst.

Wie geht es weiter?#
Das Habitable Worlds Observatory (HWO), das in den 2040er Jahren starten soll, wird von Grund auf dafür konzipiert, mit dem False-Positive-Problem umzugehen. Seine Instrumente sind darauf ausgelegt, mehrere unabhängige Biosignaturen gleichzeitig zu messen: Sauerstoff, Methan, DMS, Wasserdampf, um ein konsistentes Bild zu bekommen.
Parallel arbeiten Teams an „agnostischen Biosignaturen", die nicht auf bestimmten Molekülen beruhen, sondern auf statistischen Mustern: Gibt es Anzeichen dafür, dass ein Planet biologisch verändert wurde? Ein neuer Ansatz, veröffentlicht 2025, schlägt vor, nach Terraformierungs-Signaturen zu suchen: Veränderungen der Planetenumgebung durch Leben, ohne Annahmen über dessen Biochemie.
Die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre werden zeigen, ob die Astrobiologie ihren Weg durch die Biosignatur-Falle findet. Vielleicht entdecken wir Leben auf einem Exoplaneten, im Ozean des Enceladus oder in den Gesteinen des Mars. Vielleicht finden wir auch nichts und müssen uns eingestehen, dass wir allein sind.
Beides wäre eine Antwort.
Aber die eine wäre ungleich interessanter.
Quellen#
- NASA (1996): Press Conference on ALH84001 Mars Meteorite
- Riccardo Middei et al. (2025): New Constraints on DMS and DMDS in the Atmosphere of K2-18 b from JWST MIRI, ApJ Letters
- arXiv: New Constraints on DMS and DMDS in the Atmosphere of K2-18 b (2504.12267)
- SETI Institute: Biosignatures on K2-18 b?
- Margaret Turcotte Seavey et al. (2026): Oxygenated False Positive Biosignatures in Mars-like Exoplanet Atmospheres (arXiv:2603.11017)
- Ten Kate et al. (2026): False negatives in the search for extraterrestrial life, Nature Astronomy 10, 624–629
- Time Magazine (2026): The Search for Extraterrestrial Life May Be Flawed
- NASA: Life Signs Could Survive Near Surfaces of Enceladus and Europa
- Smith et al. (2026): Epistemic Pluralism & Astrobiology, Journal for General Philosophy of Science
- NASA Astrobiology: Habitable Worlds Observatory Living Worlds Working Group (2026)