März 2026, TCT Asia in Shanghai. In Halle 7.1, Stand 7E35, steht etwas, das aussieht wie ein überdimensionaler Geschosskopf aus Metall – nur dass unten ein konischer Spike herausragt und oben eine ringförmige Brennkammer sitzt. Das Ding ist einen Meter hoch, wiegt einiges, und wurde von niemandem konstruiert.
Wörtlich. Kein Mensch hat eine Linie CAD dafür gezeichnet. Kein Ingenieur hat Strömungskanäle berechnet oder Materialstärken optimiert. Eine KI hat das Teil am Reißbrett entworfen, von der ersten physikalischen Gleichung bis zur letzten Kühlkontur. Drei Wochen später kam es aus dem Pulverbett eines 3D-Druckers – als ein einziges Teil.
Das XRA-2E5 ist das größte jemals 3D-gedruckte Aerospike-Triebwerk. Zwei Technologien, die lange als Zukunftsmusik galten, sind gleichzeitig erwachsen geworden.
Was zur Hölle ist ein Aerospike?#
Fangen wir beim Antrieb an. Normale Raketentriebwerke haben diese charakteristische Glockendüse, die sich nach unten weitet – eine Lavaldüse. Das Problem: Die optimale Form hängt vom Umgebungsdruck ab. Auf Meereshöhe, wo die Luft dick ist, braucht die Düse eine andere Kontur als im Vakuum. Jede Glockendüse ist deshalb ein Kompromiss. Sie ist entweder auf Meereshöhe optimiert (und verliert in großer Höhe Effizienz) oder auf Vakuum getrimmt (und verschenkt Schub beim Start).
Ein Aerospike macht das anders. Statt einer Glocke hat er eine ringförmige Brennkammer, deren Abgase an einem zentralen Spike entlangströmen – quasi eine umgestülpte Düse. Die Atmosphäre selbst formt die äußere Begrenzung des Abgasstrahls. Der Vorteil: Der Strahl passt sich automatisch an den Umgebungsdruck an. Auf Meereshöhe wird er komprimiert, im Vakuum expandiert er weiter. In der Theorie arbeitet ein Aerospike über den gesamten Flug von 0 auf 100 km Höhe mit nahezu optimaler Effizienz.
Die Raumfahrtindustrie redet seit den 1960ern davon. Lockheed hat in den 2000ern mit dem X-33-Programm daran gearbeitet – und gescheitert. Die Geometrie ist einfach zu komplex für konventionelle Fertigung. Die Brennkammer ist toroidal, also ringförmig, die Kühlkanäle müssen durch verwinkelte Strukturen geführt werden, und der Spike muss extreme thermische Gradienten aushalten. Kein Fräser der Welt kann so etwas aus einem Block fräsen. Man müsste es aus vielen Einzelteilen zusammenschweißen – mit all den Problemen, die Schweißnähte unter Hochdruck und -temperatur mit sich bringen.
Hier kommt der zweite Technologiesprung.
Noyron: Die KI, die Maschinen baut#
LEAP 71 ist kein klassisches Raumfahrtunternehmen. Die Firma wurde 2023 in Dubai von Josefine Lissner, einer Luft- und Raumfahrtingenieurin, und Lin Kayser, einem Serienunternehmer, gegründet. Das Team besteht aus genau zwei Personen. Und die bauen keine Triebwerke – sie bauen eine KI, die Triebwerke baut.
Die heißt Noyron („Large Computational Engineering Model"). Noyron ist kein Chatbot, der nett plaudert. Es ist ein physikgetriebenes Softwaresystem, das funktionale mechanische Konstruktionen aus ersten Prinzipien heraus generiert. Man füttert es mit Randbedingungen: Schub, Brennkammerdruck, Treibstoffpaarung, Kühlstrategie, Fertigungsverfahren. Noyron errechnet daraus eine vollständige Geometrie – inklusive Strömungskanälen, Wandstärken, Kühlpfaden und strukturellen Versteifungen. Kein Mensch greift ein.
Das XRA-2E5 ist der bisher größte Beweis dafür, dass dieser Ansatz funktioniert. Das Triebwerk erzeugt 200 kN Schub – etwa 20 Tonnen – und wird mit kryogenem Methan und Flüssigsauerstoff betrieben. Die regenerative Kühlung ist zweigeteilt: Methan kühlt die äußere Ringbrennkammer, Flüssigsauerstoff den zentralen Spike. Das gesamte Kühlsystem, die Injektorplatte, die Brennkammer – alles von Noyron errechnet.
Vor XRA-2E5 hatte LEAP 71 bereits kleinere Aerospikes mit 20 kN Schub gebaut und erfolgreich heißgetestet. Der 200-kN-Entwurf skalierte das Prinzip um den Faktor 10.
289 Stunden am Stück#
Der Druck übernahm HBD, ein chinesischer Hersteller von Großformat-Metall-3D-Druckern aus Shanghai. Die Maschine: der HBD 800, ein Laser-Pulverbett-System mit zehn Lasern und einem Bauvolumen von 830 × 830 × 1250 mm – einer der größten Metall-LPBF-Drucker der Welt.
289 Stunden dauerte der ununterbrochene Build. Das Triebwerk entstand als monolithisches Bauteil aus Inconel 718, einer Nickel-Superlegierung, die in der Raketentechnik Standard ist. Kein Verschweißen, kein Fügen, kein Nachbearbeiten. Ein Teil. Aus dem Pulverbett.
Die Herausforderung: Aerospike-Geometrien sind für LPBF besonders knifflig. Flache Überhänge, enge interne Kanäle, dünne Wandstärken neben massiven Strukturen – alles Faktoren, die normalerweise zum Verzug oder zu Pulveranhaftungen führen. HBDs Maschine hat es beim ersten Versuch geschafft. Kevin Chen, Marketing Director bei HBD: “Noch vor einem Jahr wäre die Herstellung eines solchen Triebwerks in dieser Größe unmöglich gewesen.”

Wofür das Ganze?#
Das XRA-2E5 ist kein Showobjekt. LEAP 71 hat einen mehrjährigen Entwicklungsvertrag mit Aspire Space, einem ebenfalls in den VAE ansässigen Raumfahrtunternehmen, das die vollständig wiederverwendbare Raumfähre Oryx baut. Oryx wird zweistufig sein: Beide Stufen kehren zur Startrampe zurück, was Antriebe erfordert, die sowohl in der Atmosphäre als auch im Vakuum effizient arbeiten – genau die Nische, für die Aerospikes gebaut sind.
Die 200 kN des XRA-2E5 sind für die Oberstufe dimensioniert. Das mag nach wenig klingen im Vergleich zu den 2.300 kN eines SpaceX Merlin, aber es ist die Architektur, die zählt. Wenn Aspire Space und LEAP 71 den Aerospike flugtauglich bekommen – und die Hot-Fire-Tests der Vorgängertriebwerke deuten darauf hin –, haben sie einen Antrieb, der herkömmlichen Glockendüsen in wiederverwendbaren Systemen überlegen ist.
Das größere Bild ist ein anderes. Noyron ist kein Werkzeug, das Ingenieure unterstützt. Es ersetzt sie in der Entwurfsphase. Ein menschliches Team hätte Monate für ein Aerospike dieser Komplexität gebraucht: konstruieren, simulieren, iterieren, optimieren. Noyron spuckt die fertige Geometrie nach Eingabe weniger Randbedingungen aus.
Das klingt bedrohlich, ist aber ein Hebel. Die gleiche KI kann morgen Hyperschall-Einlässe, Turbopumpen oder Kühlsysteme für Fusionsreaktoren berechnen. Noyron versteht keine Aerospikes. Sondern Physik.
Quellen#
- LEAP 71: XRA-2E5 Aerospike Rocket Engine Announcement – 12. März 2026
- 3D Printing Industry: LEAP 71 and HBD produce 200 kN 3D printed aerospike – März 2026
- VoxelMatters: LEAP 71 and HBD show off giant 3D printed aerospike – März 2026
- LEAP 71 Team Page – Firmenhistorie und Team
- LEAP 71: Aspire Space Agreement for Oryx Spacecraft – November 2025
- 3D Printing Industry: LEAP 71 tests 20 kN methalox engines – Vorläufertriebwerk
- Aconity3D / LEAP 71: KI-konstruiertes Triebwerk – April 2026
- Wikipedia: Aerospike Engine – Funktionsprinzip der Aerospike-Düse