Am 30. August 2026, um 13:26 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, stand ein schwarzer Umriss vor der Sonne. Eine Falcon-Heavy-Rakete von SpaceX, gefilmt von der Erde aus vor der hellen Scheibe, in der Sekunde des Abhebens. An Bord: das Nancy-Grace-Roman-Weltraumteleskop, das ehrgeizigste Vermessungsinstrument, das die NASA je gebaut hat. Eigentlich hätte Roman erst im Mai 2027 startklar sein müssen. Stattdessen hob es acht Monate früher ab, und zwar unter dem geplanten Budget.
Wer Hubble gewohnt ist, muss sich bei Roman auf einen anderen Blick einstellen. Kristen McQuinn, die das Missionsbüro am Space Telescope Science Institute leitet, bringt es so auf den Punkt: Hubble und Webb schauten durch ein Schlüsselloch auf ein einzelnes Objekt. Roman öffnet die Tür.

Vom Schlüsselloch zur Panoramatür#
Der Unterschied ist eine Frage der Optik und des Baus. Romans Hauptinstrument, das Wide Field Instrument, ist eine 300-Megapixel-Kamera mit 18 Detektoren, die im sichtbaren und nahen Infrarotlicht von 0,48 bis 2,3 Mikrometern arbeitet. Ihr Gesichtsfeld von 0,281 Quadratgrad ist größer als die scheinbare Fläche des Vollmonds. Jedes einzelne Bild hat dabei die Schärfe eines Hubble-Bildes.
Die Folge ist schwer zu fassen. Roman kann den Himmel mit derselben Qualität mehr als tausendmal schneller durchmustern als Hubble. Was Hubble in einem Jahrzehnt an Beobachtungszeit anhäuft, schafft Roman in gut zehn Monaten. Statt einzelner Galaxien oder eines kleinen Himmelsflecks erfasst eine Aufnahme ganze Regionen auf einmal. Mehr als zehn Prozent des Himmels soll die Mission in nie gesehener Detailtiefe neu abbilden. Jeden Tag schickt das Teleskop 1,4 Terabyte Daten zur Erde, mehr als jede bisherige NASA-Astrophysikmission. Und anders als bei Hubble werden diese Daten nicht erst nach Monaten veröffentlicht. Sobald sie verarbeitet sind, kann sie die gesamte Forschungsgemeinschaft nutzen.

Die dunkle Seite des Kosmos#
Dieser Durchsatz ist kein Selbstzweck. Eine der zentralen Aufgaben lautet, die Expansion des Universums genauer zu vermessen, als es je möglich war. Über die Jahre haben Messungen im nahen und im fernen Universum Hinweise darauf geliefert, dass unser Standardmodell der Kosmologie an den Rändern wackelt. Julie McEnery, leitende Projektwissenschaftlerin bei NASA Goddard, formuliert es vorsichtig, aber deutlich: Das Verständnis der kosmischen Expansion stimme offenbar nicht ganz. Es mehren sich Hinweise, dass die kosmologische Konstante, mit der die dunkle Energie beschrieben wird, womöglich gar nicht konstant ist.
(Wer sich für diese Spannung interessiert: Der Blog hat der Hubble-Spannung einen eigenen Artikel gewidmet. Roman ist eines der Instrumente, die mit einer völlig anderen Messweise Licht in die Sache bringen könnten.)
Für die Expansionsmessung nutzt Roman Supernovae vom Typ Ia. Das sind explodierende Weiße Zwerge, die immer kurz vor demselben kritischen Massenlimit detonieren und dabei mit ähnlicher Helligkeit aufleuchten. In einem Himmelsareal von 18 Quadratgrad, etwa neunzig Vollmonden, sammelt das Teleskop über fünf Jahre Beobachtungszeit. Dabei stößt es auf Zehntausende solcher Supernovae, darunter viele, deren Licht vor acht bis elf Milliarden Jahren ausgesandt wurde. Vergleicht man so viele Explosionen im selben Instrument statt in unterschiedlichen Teleskopen, lässt sich die Expansionsgeschichte des Universums sauber rekonstruieren. Insgesamt erwartet die Mission rund 100.000 kurzlebige Ereignisse, von Gammablitzen über Kilonovae bis zu Gezeitenzerrissen, bei denen Schwarze Löcher Sterne zerreißen.
Planeten, die kein anderes Verfahren findet#
Die zweite Großbaustelle liegt näher: im Zentrum unserer Milchstraße. Dort beobachtet Roman den Galaktischen Bulge, die dicht gedrängte Kugel alter Sterne, in sechs Feldern über insgesamt 438 Tage, mit Aufnahmen alle zwölf Minuten. Ziel ist der Mikrolinsen-Effekt. Zieht ein näheres Objekt vor einem Hintergrundstern vorbei, krümmt seine Schwerkraft das Licht und verstärkt es kurzzeitig. Aus dieser Aufhellung lässt sich die Masse des Vordergrundobjekts ablesen, ganz gleich, ob es sich um einen Stern, einen Braunen Zwerg, ein Schwarzes Loch oder einen Planeten handelt.
Ein einzelner Stern müsste dafür rund hunderttausend Jahre beobachtet werden, bis er zufällig mikrolinsiert wird. Im dichten Galaxienzentrum, wo Roman auf Hunderte Millionen Sterne gleichzeitig blickt, sind dagegen jederzeit Dutzende bis tausende dieser Ereignisse im Gang. Dazu kommt, dass nahes Infrarot nötig ist: Diese Wellenlängen durchdringen den Staub, der sichtbares Licht aus dem Zentrum blockiert.
Der Mikrolinsen-Effekt erschließt eine Klasse von Planeten, die anderen Methoden verborgen bleibt. Kepler und TESS haben uns vor allem Planeten in der lokalen Umgebung der Sonne geliefert, auf kurzen Bahnen. Roman findet dagegen Welten auf weiten Bahnen wie Jupiter und mit Massen weit unterhalb derer, die andere Verfahren noch auflösen, bis hinunter zu Brocken, die nur doppelt so schwer sind wie unser Mond. Mehr als 100.000 neue Exoplaneten erwartet die Mission insgesamt. Bisher kennen wir knapp über sechstausend.
Dazu kommt ein Instrumententest mit deutscher Beteiligung. Das Coronagraph Instrument, kurz CGI, blendet das Sternlicht aus, um nahe Planeten direkt abzubilden, eine Milliarde Mal schwächer als ihr Stern. Das ist etwa das Helligkeitsverhältnis zwischen Sonne und Jupiter. Neu ist, dass Roman dabei Koronografie mit adaptiver Optik kombiniert, eine Technik, die bisher nur erdgebundene Teleskope nutzten. Das Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg hat als einziger direkter deutscher Partner die Präzisionsmechanismen des Instruments gebaut, die dessen optische Elemente über Stunden hinweg auf winzige Winkeldifferenzen stabil halten.
Was jetzt passiert#
Roman ist unterwegs zum zweiten Lagrange-Punkt, eineinhalb Millionen Kilometer von der Erde, dort, wo auch James Webb und das ESA-Teleskop Euclid arbeiten. Drei Monate Inbetriebnahme stehen an, die ersten Bilder werden für Anfang 2027 erwartet.
Dass es überhaupt so weit kam, grenzt an ein kleines Wunder. Das Projekt hieß einst WFIRST und stand mehrfach kurz vor der Streichung, bis 2012 zwei ausgemusterte Spionageteleskope der US-Aufklärung mit Spiegeln in Hubble-Größe verfügbar wurden. Einer davon ging an diese Mission. Den Namen schließlich verdankt das Teleskop Nancy Grace Roman, die 1959 zur NASA kam, dort das Astronomieprogramm aufbaute und so hartnäckig für ein Weltraumteleskop kämpfte, dass man sie bis heute die Mutter des Hubble nennt.
Roman ist ihr Vermächtnis. Das Schlüsselloch ist zu, jetzt öffnen wir ganze Wände. Was in den Daten steckt, weiß niemand. Genau das macht mich am meisten neugierig.
Quellen#
- NASA: “NASA’s Dark Universe-Seeking Nancy Grace Roman Space Telescope Launches” (30.08.2026)
- Astronomy Magazine: “How Roman will unlock the universe”
- MPIA Heidelberg: “Weltraumteleskop Roman mit Technologie aus Heidelberg in den Startlöchern”
- NASA SVS: “Nancy Grace Roman Space Telescope is Ready for Launch”
- ESA: Roman factsheet